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Jungsteinzeit

Von der Linienbandkeramik-Kultur zur Schönfelder Kultur

Die Gegend um Magdeburg-Randau war und ist eine Fluss- und Auwaldlandschaft. Die Menschen wurden hier mit dem Übergang vom Wildbeutertum zu Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit in Häusern sesshaft.

Davon kündet der Nachbau eines Langhauses aus der 7.500 Jahre alten Linienbandkeramik-Kultur, dessen Überreste ca. 25 km von Randau gefunden wurden. Die Tatsache, dass die Menschen schon zu Beginn der Jungsteinzeit derartige Häuser von 25 bis 40 Metern Länge in den damaligen Mischwäldern aus Eichen, Linden, Ulmen und Eschen bauen konnten, beweist, dass ihre handwerklichen Fähigkeiten sehr hoch entwickelt waren.

4.500 Jahre ruhten die Reste eines jungsteinzeitlichen Pfostenhauses aus der Schönfelder Kultur in der Randauer Erde. Sie waren in der Talsanddüne am ursprünglichen Ufer der (alten) Elbe in einem Meter Tiefe verborgen. Das inzwischen etwas kühlere und feuchtere Klima führte dazu, dass sich die Eichen auf die Ebenen zurückgezogen hatten und Buchen dominierten.

Steinzeit
In bzw. für Mitteleuropa wird die Zeit zwischen 600.000 und 4.050 vor heute als Steinzeit bezeichnet. Man unterscheidet die Altsteinzeit (Paläolithikum), die Mittlere Steinzeit (Mesolithikum, 11.600 – 8.000 vor heute) und die Jungsteinzeit (Neolithikum).

Die Jungsteinzeit begann in Mitteleuropa mit der Einführung von Ackerbau und Viehhaltung in der Zeit der Bandkeramik-Kulturen ca. 7.500 und endete gegen 4.050 vor heute mit dem Übergang zur Kupfer- und Bronzezeit.

Abfolge der Kulturen von der Jungsteinzeit bis zur Frühbronzezeit in Mitteldeutschland

Man gliedert die Jungsteinzeit (Neolithikum) in Früh- (7.500-6.900), Mittel- (6.900-6.400), Jung- (6.400-5.300), Spät- (5.300-4.800) und Endneolithikum (4.800-4.200 vor heute).

Die nomadischen Wildbeuter wurden in der Magdeburger Börde zu Beginn der Jungsteinzeit vor rund 7.500 Jahren durch die Neuankömmlinge der ersten Einwanderungswelle nach Norden abgedrängt. Die sesshaften Linienbandkeramiker hinterließen uns Getreideanbau, Haustiere, Holzhäuser und Kultanlagen. Vor rund 5.100 Jahren kehrten die zu Viehzüchtern und Ackerbauern gewandelten Nachfahren der verdrängten Wildbeuter aus Skandinavien und der norddeutschen Tiefebene in den Harzschatten zurück. Die Abkömmlinge der Trichterbecherkultur brachten Megalithgräber, Dolmen und Menhire, Ochsengespanne mit Schulterjoch, und den Holzpflug mit. Vor rund 4.800 Jahren erreichte die Magdeburger Börde eine dritte Einwanderungswelle aus der russischen Steppe. Die Schnurkeramiker nutzten erstmals Reitpferde sowie vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern und Deichsel. Rund dreihundert Jahre später brachte die vierte und letzte Einwanderungswelle der Jungsteinzeit – die Glockenbecherkultur – von der Iberischen Halbinsel die Kenntnisse der Nichteisen-Metallgewinnung, Kupferdolche, Armschutzplatten für Bogenschützen und Feinkeramik in die Börde. Insgesamt haben die vier Einwanderungswellen der Jungsteinzeit mit bis zu drei Vierteln zum Erbgut der heutigen Bevölkerung Zentraleuropas beigetragen. Der restliche Anteil des Erbguts stammt von den Wildbeutern des Mesolithikums und wohl zu zwei bis drei Prozent von den Neandertalern.

Abfolge der Kulturen in Mitteldeutschland

  • Linienbandkeramik-Kultur, ca. 7.500 – 6.800 vor heute
  • Stichbandkeramik-Kultur, ca. 6.900 – 6.600 vor heute
  • Rössener Kultur, ca. 6.600 – 6.450 vor heute
  • Gaterlebener Kultur (erste Kupferfunde in Mitteleuropa), ca. 6.500 – 6.000 vor heute
  • Michelsberger Kultur, ca. 6.300 – 5.400 vor heute
  • Baalberger Kultur, ca. 6.000 – 5.400 vor heute
  • Tiefstichkeramik-Kultur (regionale Variante nordwestdeutscher Trichterbecher-Kulturen), ca. 5.700 – 5.350 vor heute
  • Salzmünder Kultur (regionale Variante der Trichterbecher-Kulturen, hervorgegangen aus der Baalberger Kultur), ca. 5.400 – 5.100 vor heute
  • Walternienburger Kultur, ca. 5.350 – 5.100 vor heute
  • Bernburger Kultur, ca. 5.100 – 4.650 vor heute
  • Elb-Havel-Kultur, ca. 5.100 – 4.650 vor heute
  • Ende paralleler mesolithischer Nischenkulturen (zumeist Fischer) durch Assimilation mit neolithischen Bauernkulturen, ca. 5.000 vor heute
  • Kugelamphoren-Kultur, ca. 5.100 – 4.650 vor heute
  • Schönfelder Kultur , ca. 4.800 – 4.200 vor heute
  • Schnurkeramik-Kultur, ca. 4.800 – 4.200 vor heute
  • Einzelgrab-Kultur (nördliche Schnurkeramik), ca. 4.800 – 4.050 vor heute
  • Glockenbecher-Kultur, ca. 4.500 – 4.050 vor heute
  • erste Kupfer- und Goldverarbeitung, ca. 4.500 vor heute
  • Dominanz der Glockenbecher-Kultur, ca. 4.200 – 4050 vor heute
  • Frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur, ca. 4.200 – 3.600 vor heute

Linienbandkeramik-Kultur (ca. 5.500 – 4.800 v. Chr.)

Die Linienbandkeramik-Kultur erhielt ihre Bezeichnung nach den Bandmustern auf den gebrannten Tongefäßen. Sie war eine der ältesten bäurischen Lebensformen Europas und markierte in Mitteldeutschland den Beginnn von Ackerbau, Viehhaltung und der damit verbunden Sesshaftigkeit. Sie kam durch Wanderung von Menschen aus der mittleren Donauregion hierher, die wiederum ursprünglich aus dem Gebiet des fruchtbaren Halbmonds im nahen Osten kamen.

Die Häuser der Linienbandkeramik-Kultur waren die ersten ortsfesten Gebäude Mitteleuropas. Die Langhäuser erreichten eine Grundfläche von bis zu 40 x 8 m. Drei parallele Pfostenreihen sowie aus lehmverputztem Flechtwerk und teilweise Spaltbohlen bestehende Außenwände bildeten ein vierschiffiges Haus in Nordwest-Südost-Aussrichtung. Die Dächer waren je nach Verfügbarkeit mit Reet oder Baumrinde gedeckt.

Eingang Langhaus der Linienbandkeramiker
Eingang Langhaus der Linienbandkeramiker

Es wurde in der Nähe von Wasserläufen auf fruchtbarem Lössboden im Waldmeer gesiedelt. Später kamen regional Befestigungen zur Verteidigung dazu, Handlungen „kollektiver Gewalt“ verbreiteten sich. Die Bestattungen erfolgten siedlungsnah in Einzelgräbern oder Gräberfeldern.

Schönfelder Kultur (ca. 2.800 – 2.200 v. Chr.)

Der Name Schönfelder Kultur leitet sich vom eponymen Fundort Schönfeld im Landkreis Stendal her. Er wurde 1910 von Paul Kupka erstmals verwendet, der im Jahr 1905 das dortige Gräberfeld ausgegraben hat.

Die Schönfelder Kultur siedelte im Elberaum vom Wendland bis Böhmen und schwerpunktmäßig zwischen nördöstlichem Harz, mittlerer Elbe (z.B. in Randau bei Magdeburg) und unterer Havel.

Die Schönfelder Kultur war der einheimische Nachfolger der Trichterbecher, Bernburger, Elb-Havel und Kugelamphoren Kulturen (ca. 5.100 – 4.650 vor heute). Die Kugelamphorenkultur in der Fischbecker Gruppe im Raum Stendal wird als ihre Frühphase angesehen.

Die Schönfelder Kultur verlief als Regionalgruppe des Endneolithikums nahezu zeitgleich mit der Schnurkeramik- und der Glockenbecherkultur, bewahrte jedoch lange Zeit ihre Eigenheiten.

In der entwickelten Schönfelder Kultur lassen sich zwei regionale Untergruppen unterscheiden, die sich um Magdeburg überschneiden:

  • Ammenslebener Gruppe (Mitte Sachsen-Anhalts)
  • Schönfelder Nordgruppe (Norden Sachsen-Anhalts).

Siedlungen lagen stets in hochwassersicher in Flussnähe, manchmal unweit von Siedlungen zeitgleicher Kulturen. In bis zu rund zwanzig Meter langen Pfostenhäusern mit Firstdach (wie in Randau) befanden sich Feuerstellen in abgetrennten Räumen sowie eine Viehstallung, da Milchwirtschaft betrieben wurde. Rund die Hälfte der Haustiere bestand aus Rindern, ein Drittel aus Schafen/Ziegen, der Rest aus Schweinen und Hunden. Wildtiere spielten nur eine geringe Rolle.

Eingang Langhaus der Schönfelder Kultur
Eingang Langhaus der Schönfelder

Die Keramik der Schönfelder Kultur ist überwiegend stichverziert. An Ornamenten sind Zickzacklinien und Furchenstichlinien bekannt. Besonders auffällig sind die verzierten Schalen mit Sonnensymbolik.

Das auffälligste Merkmal der Schönfelder Kultur ist die Brandbestattung, die in den anderen Kulturen unüblich war. Eventuelle Beigaben wurden mit auf den Scheiterhaufen gegeben. Der Leichenbrand wurde zumeist in keramischen Kalottenschalen in Flachgräbern siedlungsnah beigesetzt, teilweise kam es zu Nachbestattungen in Megalithgräbern.

Das Wunder der Rekonstruktion in Randau

Sieben Umstände und Zufälle ermöglichten 2000 bis 2004 die Rekonstruktion des Schönfelder Hauses in Randau.

  1. Vor rund 4.500 Jahren wurde das Haus von seinen Erbauern und Bewohnern überstürzt verlassen. Die Reste wurden vom Wind mit Sand zugeweht und konserviert.
  2. Die Talsanddüne wurde für den Ort Randau zum Mühlenberg. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die alte Windmühle abgerissen. Der Mühlenplatz wurde zur Sandgrube.
  3. 1940 fand man Tonscherben und Verfärbungen im Sand. Der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Hans Lies sperrte die Fundstelle ab. Von 1941 bis 1943 wurde der Fund gesichert, geborgen, dokumentiert und Museen übergeben.
  4. Im Krieg und in den Nachkriegsjahren wurde die gesamte Talsanddüne abgebaggert. Die leere Sandgrube wurde dann als Müllkippe benutzt. In den 60er Jahren wurde die Müllkippe saniert und aufgefüllt. Sie harrte seitdem auf eine Kultivierung.
  5. Die Idee, das Steinzeithaus zu rekonstruieren, reifte in den Köpfen. 2000 fügten sich drei Dinge zusammen:
    Die Stadt Magdeburg konnte ABM-Maßnahmen und das Arbeitsamt Fördermittel vergeben. In Randau hatte sich 1997 ein Förderverein gegründet, der die Trägerschaft übernehmen würde.
  6. 2001 bis 2003 entstand die Rekonstruktion des Steinzeithauses der Schönfelder Kultur mit Palisadenzaun, Wassergraben und Trockengraben. Die Rekonstruktionen eines 1.200 Jahre alten Grubenhauses und eines prähistorischen Lehmbackofens sowie eine Hütte für Darbietungen bilden die Umrahmung. 2007 kamen die Rekonstruktion eines 7.500 Jahre alten Langhaus der Linienbandkeramiker und 2009 ein Mehrzweck- und Sanitärgebäude dazu.
  7. Breit war Unterstützung durch Bürger und Ortschaftsrat Randau, Randauer Bodendenkmalpfleger Wagner, örtliche Forstverwaltung, Agrar GmbH Randau, freiwillige Feuerwehr Randau, Bundeswehr, Theaterverein Randau, Anglerverein Randau, Förderverein Randau und ortsansässige Handwerker.

Die Rekonstruktionen im Steinzeitdorf Randau zeigen, dass sich die jungsteinzeitliche Pfostenbausweise bewährt hat. Sie hat sich weit über 6.000 Jahre bis an die Schwelle des Fachwerkbaus im Mittelalter erhalten.

Grubenhaus
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